Lehrerbildner*innen im fremdsprachendidaktischen Vorbereitungsdienst

Dr. David Gerlach, Philipps-Universität Marburg

1. Problemstellung und Erkenntnisinteresse

Obwohl die zweite Phase der Lehrer*innenbildung in Deutschland von ihren Lehrkräften (Referendarinnen und Referendaren, Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst) seit jeher als besonders anspruchsvoll, prägend und lernintensiv charakterisiert wird, ist die Forschungslage zu dieser Phase – vermutlich auch wegen der formal variierenden Ausgestaltungen in den einzelnen Bundesländern – bislang eher ernüchternd (vgl. z.B. Lenhard 2004, Walm/Wittek 2014). Darüber hinaus bestehen weiterhin in fremdsprachendidaktisch-professionstheoretischer Hinsicht insgesamt und damit auch in besonderem Maße für die zweite Phase der Fremdsprachenlehrer*innenbildung bedeutende Forschungsdesiderate.

Neben der kompetenztheoretischen Betrachtung auf der Ebene der Entwicklung fachdidaktischer Kompetenzen der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, die von Ivo Steininger untersucht wird, fokussierte dieses Projekt im stärker strukturtheoretisch und berufsbiographisch geprägtem Paradigma auf die eigentliche Ausbildungspraxis (vgl. Gerlach/Steininger 2016a, Gerlach 2020). Das Habilitationsprojekt beschäftigte sich nicht (nur) mit den Lehrkräften im Vorbereitungsdienst (LiV), sondern primär mit ihren Ausbilderinnen und Ausbildern, denen damit ein maßgeblicher Einfluss auf die Professionalisierung ihrer LiV in den unterschiedlichen Institutionen beigemessen wird. Zur Gruppe der Lehrerbildner*innen gibt es sowohl allgemeinpädagogisch bzw. fächerübergreifend (vgl. exemplarisch Krüger 2013) wie auch fremdsprachendidaktisch kaum Erkenntnisse:

Über Charakteristika des Lehrpersonals wissen wir – abgesehen von formalen Qualifikationen, die in Bundes- und Ländervorschriften festgehalten sind – so gut wie nichts. Empirische Daten fehlen sowohl zu ihren demographischen Merkmalen als auch zu ihrer Ausbildung, zu ihrem fachlichen Wissen, ihren Ausbildungszielen, zu ihren Überzeugungen oder zu ihrem Handeln in Lehrveranstaltungen. (Felbrich et al. 2008: 386)

Das Projekt hat versucht, diese Lücke durch einen qualitativ-rekonstruktiven Zugang ein Stück weit zu schließen und gleichzeitig fachbezogene, d.h. fremdsprachendidaktische Ausbildungspraktiken greifbar zu machen.

2. Empirischer Zugriff und Fragestellung

Mittels einer berufsbiographischen Perspektive wurden im Projekt Orientierungen und Handlungspraxis der Lehrerbildner*innen über einen praxeologisch-wissenssoziologischen Zugang mittels der Dokumentarischen Methode rekonstruiert (vgl. Bohnsack 2014/2017). Diese Handlungspraxis und Orientierungen illustrieren insbesondere das Rollenverständnis der Lehrerbildner*innen bei der Beratung und Bewertung der ihnen anvertrauten LiV sowie institutionelle Einfärbungen (Orientierungsschemata und Normen) ihrer Tätigkeitsbereiche in den verschiedenen ausbildungsdidaktischen Strukturen.

Die Forschungsfragen im Detail lauten (Gerlach 2020: 158):

  1. Wie werden Lehrkräfte zu Lehrerbildner/innen?
  2. Wie nehmen Lehrerbildner*innen im Vorbereitungsdienst angehender Fremdsprachenlehrkräfte ihre Position und Tätigkeit wahr?
  3. Wie strukturieren Lehrerbildner*innen im Vorbereitungsdienst angehender Fremdsprachenlehrkräfte ihre Handlungspraxis?
  4. Inwiefern zeigen sich in der Ausbildungspraxis bei Lehrerbildner*innen Wissensstrukturen im Sinne einer Ausbildungsdidaktik?

Um Zugang zu handlungsleitendem, impliziten Wissen zu erhalten (vgl. Mannheim 1964), wurden mit den Lehrerbildner*innen narrativ-episodische Interviews geführt (vgl. Schütze 1983, Nohl 2017), in denen innerhalb von Erzählungen über Ausbildungsschwerpunkte, Aushandlungs- und Interaktionsprozesse sowie je individuelle Schwerpunktsetzungen in den Zugzwängen von Narrationen die Handlungspraxis und Orientierungen rekonstruierbar werden. Die hier aufgrund der systemischen und normativen Setzungen des Vorbereitungsdienstes deutlich werdenden Zwänge, insbesondere aber auch die von den Ausbildungskräften individuell interpretierte Praxis der Fremdsprachenlehrer*innenbildung in „ihrer“ Phase sind dabei überaus relevant. Daneben spielen die individuell und subjektiv relevant gestellten allgemeinpädagogischen wie fremdsprachendidaktischen Ausbildungsinhalte ebenfalls eine Rolle im Sinne einer Ausbildungsdidaktik.

3. Erkenntnisse und Implikationen für die fremdsprachendidaktische Lehrer*innenbildung

In den Rekonstruktionen, der maximalen Fallkontrastierung und der sich anschließenden Typenbildung zeigte sich eine relationale Aufteilung innerhalb zweier Dimensionen: Zum einen unterscheiden sich die Lehrerbildner*innen im Sample in der Art und Weise, wie sie ihre Ausbildung gestalten, nämlich entweder transmissionsorientiert oder moderierend, andererseits in der Identifikation mit den organisationalen/formalen Strukturen und den Referendar*innen als identifizierend oder distanzierend. Diese Ausbildungspraxis hat Implikationen für potentielle (Nicht-)Passungsverhältnisse mit den angehenden Fremdsprachenlehrkräften und bedingt möglicherweise ein Gelingen oder Scheitern fremdsprachendidaktischer Lehrer*innenbildung in der zweiten Phase. In der Habilitationsschrift (Gerlach 2020) werden diese Implikationen auch vor dem Hintergrund der formalen Anforderungen wie der normativ wirkenden Institutions- sowie Identitätsnormen diskutiert.

Die im Projekt rekonstruierte professionelle Ausbildungspraxis der Lehrerbildner*innen dürfte nicht nur für die zweite Phase eine spezifische Bedeutung haben, sondern insgesamt auch Erkenntnisse für die erste und die sogenannte „dritte“ Phase vorlegen. Insbesondere die hohe Autonomie der Lehrerbildner*innen in ihrer Gestaltung der Professionalisierung der ihnen anvertrauten Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst ist hier ausschlaggebend für eine Bandbreite an ausbildungsdidaktisch-methodischer Ausgestaltungen, die mit diesem Vorhaben erstmals für die Fremdsprachendidaktik untersucht werden.

Aus forschungsmethodologischer Sicht ist mit der Arbeit ein weiterer Baustein dezidiert praxeologisch orientierter Fremdsprachenforschung entstanden, die hier mittels der Dokumentarischen Methode rekonstruktive Sozialforschung anwendet. Das Potenzial dieser Methodologie für eine fremdsprachendidaktisch orientierte Professionsforschung sollte dabei weiter verfolgt und ausdifferenziert werden.

Aus dem Projekt hervorgegangene Publikationen (in chronologischer Reihenfolge)

Gerlach, David (2020): Zur Professionalität der Professionalisierenden: Was machen Lehrerbildner*innen im fremdsprachendidaktischen Vorbereitungsdienst? Reihe Gießener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik. Tübingen: Narr. [Habilitationsschrift]

Gerlach, David (2018): „… und jetzt reden wir über Literaturdidaktik, aber eigentlich brennt es ganz woanders.“ Orientierungen und Praktiken von Ausbildungskräften und Mentorierenden im Vorbereitungsdienst angehender Lehrerinnen und Lehrer. In Tobias Leonhard, Julia Kosinár, Christian Reintjes (Hrsg.), Institutionelle Praktiken und Orientierungen in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung.  Potentiale und Grenzen der Professionalisierung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 258–271.

Gerlach, David & Steininger, Ivo (2016a): „Fachdidaktische Kompetenzen und fremdsprachliche Professionalisierung: Einblicke in Forschungsprojekte zur zweiten Phase der Fremdsprachenlehrerbildung.“. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 27 (2), S. 181–199.

Gerlach, David & Steininger, Ivo (2016b): Professionalisierung und Kompetenzentwicklung in der 2. Phase der Fremdsprachenlehrer(innen)bildung: Akteure, Prozesse, Themen. In Michael K. Legutke & Michael Schart (Hrsg.), Fremdsprachendidaktische Professionsforschung: Brennpunkt Lehrerbildung. Tübingen: Narr, S. 197–225.

Literaturangaben

Bohnsack, Ralf (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. Opladen: Budrich.

Bohnsack, Ralf (2017): Praxeologische Wissenssoziologie. Opladen: Budrich.

Krüger, Jana (2014): Perspektiven pädagogischer Professionalisierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Lenhard, Hartmut (2004): Zweite Phase an Studienseminaren und Schulen. In: Sigrid Blömeke, Peter Reinhold, Gerhard Tulodziecki & Johannes Wildt (Hrsg.), Handbuch Lehrerbildung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 275–289.

Mannheim, Karl (1964): Wissensoziologie. Neuwied: Luchterhand.

Nohl, Arnd-Michael (2017): Interview und Dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schütze, Fritz (1983): „Biographieforschung und narratives Interview“. In: Neue Praxis 3 (13), S. 283–293.

Walm, Maik & Wittek, Doris (2014): Lehrerinnenbildung in Deutschland im Jahr 2014: Eine phasenübergreifende Dokumentation der Regelungen in den Bundesländern; eine Expertise im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung. Frankfurt am Main: GEW Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

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