Textkomplexität und Textkompetenz im Spanischen

Konzeptwechsel in einer linguistisch-didaktischen Hochschullernumgebung

Angela Schrott und Bernd Tesch

Unter Mitarbeit von Katharina Dziuk Lameira, Eva Nothelfer und Marta Ulloa

Zusammenfassung

Textkompetenz als Fähigkeit, Texte in verschiedenen Sprachen mit unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Komplexität verstehen zu können, ist ein zentrales Ziel des Fremdsprachenunterrichts. Damit Lehrer und Lehrerinnen diese Kompetenz in der Schule vermitteln können, muss bereits in der ersten Phase der Lehrerbildung eine professionalisierte Textkompetenz vermittelt werden, die Textlinguistik und Didaktik verbindet. Am Beispiel des Spanischen als Fremdsprache entwickelt unser Projekt diese interdisziplinäre Textkompetenz. Sie umfasst die Fähigkeit, die Komplexität von Texten zu beurteilen, Verstehensschwierigkeiten zu antizipieren, zielgerichtet Texte für heterogene Lerngruppen und Prüfungen auszuwählen, entsprechende Aufgaben zu erstellen und darauf bezogene Schülerarbeiten zu evaluieren.

In beide Disziplinen verbindenden Seminaren werden Komplexitätsprofile von Texten sowie Textkompetenzaufgaben für spanische Texte erarbeitet. Linguistik und Didaktik werden dabei in einem Kooperationsmodell verbunden. Das Grundmuster besteht darin, dass auf einem bestimmten Studienniveau ein linguistisches Seminar und ein didaktisches Seminar zum Themenfeld Textkompetenz und Textkomplexität angeboten werden. Jedes Seminar hat einen fachlichen Schwerpunkt – in der Linguistik oder Didaktik –, integriert zugleich aber die jeweils andere Disziplin. In den fachdidaktischen Seminaren schließt sich jeweils an eine fünf- bis sechswöchigen Phase theoretischen Inputs eine vierwöchige Gruppenarbeitsphase an, in der die Lehramtsstudierenden im geschützten Experimentierraum des Seminars und unter Begleitung des Dozenten textbasierte Aufgaben entwickeln, die anschließend in Schulklassen erprobt werden (Tesch et al. in Vorb.).

Ein Kernziel der vernetzten Lernumgebung besteht darin, zunächst bei den Lehramtsstudierenden und im späteren Transfer bei Schülerinnen und Schülern eine grundlegende Veränderung des Konzepts ‚Text’ anzubahnen. Das Konzept ‚Text’ wird gemeinhin als eine statische Entität aufgefasst, d.h. der von einem Autor verfasste Text besitzt eine Immunität, die auch in pädagogischen Kontexten in der Regel gewahrt wird. Texte dürfen demnach nicht verändert werden. Dieses Konzept stößt allerdings besonders im Tertiärsprachenunterricht an seine Grenzen. Hier geht es darum, Schülerinnen und Schülern, die zu einem – relativ zum Englischen – meist späten Zeitpunkt mit dem Erwerb der neuen Fremdsprache beginnen und eine deutlich kürzere Lernzeit zur Verfügung haben, möglichst rasch Erfolgserlebnisse bei der Bewältigung altersangemessener Text zu ermöglichen, dies auch vor dem Hintergrund adoleszenzbedingter oft schwieriger Identitätsfindungsprozesse, bei denen sich die sprachliche Insuffizienz gravierend auf die Lernmotivation auswirken kann (Dörnyei & Ushioda 2009; Taylor 2013). Es geht also darum, zunächst den Lehramtsstudierenden und durch sie den Spanischschülerinnen und -schülern die Funktion eines Wechsels des ,Text’-Konzepts von einem statischen zu einem dynamischen Konzept, ohne dass dabei der Originaltext ignoriert wird, zu vermitteln und den Wechsel zu implementieren. Die Innovation der Komplexitätsreduktion als linguistisch-didaktische Technik liegt darin, dass in den hier konzipierten Seminaren gezielte Techniken der Komplexitätsreduktion als Strategien für das eigene Textverstehen vermittelt werden. Es geht nicht darum, Texte in vereinfachter Form vorzusetzen, sondern Techniken des Vereinfachens als Teil des Textverstehens anzuwenden. Die Vereinfachung von Textes zielt nicht auf das Produkt, sondern auf den Prozess.

Ziel der Begleitforschung im Projekt „Textkompetenz und Textkomplexität“ ist die Untersuchung der Entwicklung der didaktischen Textkompetenz der Seminarteilnehmer. Zu diesem Zweck wurde ein Prä-Post-Kompetenztest entwickelt, der sowohl für die summative als auch für die formative Evaluation der erworbenen Kompetenzen eingesetzt werden kann.

Als Materialgrundlage für die Erstellung des Instruments dienen authentische Klassenarbeiten bestehend aus Inputtext, Aufgaben sowie Schülerantworten. Der Test wird jeweils zu Beginn und am Ende des Semesters im Seminar durchgeführt, um zu messen, welche Lernfortschritte die Studierenden bereits gemacht haben, eventuelle Wissenslücken zu erkennen und die Inhalte in der Lehre vertieft zu thematisieren. Um die Anonymität der Teilnehmenden zu wahren, wird vor dem Test ein Code ermittelt, mit dessen Hilfe festgestellt werden kann, wie oft der Test von der Versuchsperson bereits in anderen Seminaren bearbeitet wurde und an welchen Seminaren des Projekts die Versuchsperson bereits teilgenommen hat. Der Test besteht aus offenen, halboffenen und geschlossenen Frageformaten.

Begleitend zum Kompetenztest werden weitere Forschungen zu den Konzepten der Textkomplexität und der didaktischen Textkompetenz durchgeführt. Aus linguistischer Sicht wird das Konzept der Textkomplexität anhand qualitativer und quantitativer Analysen spanischer Romanausschnitte und einer quantitativen Fragebogenauswertung untersucht. Textkomplexität wird dabei definiert als „emergente Eigenschaft des Textes, welche durch das Zusammenwirken verschiedener Textelemente und Textebenen entsteht“ (Dziuk Lameira, in Vorbereitung). Diese ist abzugrenzen von der Textschwierigkeit, welche durch das Zusammenspiel aus Textkomplexität und extralinguistischen Faktoren wie dem Sprachniveau und Alter der Lesenden oder der Aufgabenstellung entsteht (vgl. ibd.). Ziel der Forschung ist es, Faktoren zu identifizieren, welche die Komplexität eines Textes beeinflussen.

Aus didaktischer Sicht werden die Prozesse der Wissensentwicklung und Reflexion in Gruppen bei der Erstellung einer Textkompetenz-Lernaufgabe für die Sekundarstufen untersucht (Ulloa, in Vorbereitung). Um diese Aufgabe zu erfüllen, sollen die Studierenden ihre Vorkenntnisse nutzen und Entwürfe diskutieren und erproben, um kognitive Konflikte zu lösen. Durch sozio-kognitive Prozesse, die Zweifel, Ungewissheit, Überraschung, Inkongruenz, Irrelevanz, Widerspruch und Mehrdeutigkeit beinhalten, erwerben sie eine didaktische Textkompetenz. Diese Prozesse werden in Gruppendiskussionen innerhalb einer Gruppenarbeitsphase in den Seminaren beobachtet. Die Diskussionen werden aufgenommen, transkribiert und einer Gesprächsanalyse unterzogen. Die Ergebnisse dieser qualitativen Analyse können wiederum in didaktische Seminare implementiert werden.

Literatur

Dörnyei, Z. & Ushioda, E. (Hg.) (2009). Motivation, language identity and the L2 self. Bristol: Multilingual Matters.

Dziuk Lameira, Katharina (in Vorbereitung). Lesen und Verstehen: Linguistische Komplexitätsprofile spanischer Texte. Dissertationsprojekt, Universität Kassel.

Gardt, A. (2012). Textsemantik. Methoden der Bedeutungserschließung. In: Bär, Jochen A. & Müller, Marcis (Hg.), Geschichte der Sprache und Sprache der Geschichte. Probleme und Perspektiven der historischen Sprachwissenschaft des Deutschen. Oskar Reichmann zum 75. Geburtstag,61-82. Berlin: Akademie-Verlag,.

Taylor, F. (2013). Self and identity in adolescent foreign language learning. Bristol: Multilingual Matters.

Tesch, B; Pelchat, L; Vetter, M. & Ulloa, M. (in Vorb.). Aufgabenorientierungin der sprachdidaktischen Hochschullehre. Ein Projekt zur Förderung von Studierendenautonomie durch Praxisseminare.

Ulloa Saceda, Marta (in Vorb.). Die didaktische Textkompetenz im Lehramt Spanisch. Dissertationsprojekt. Universität Kassel.

 

Informationen zu den Autorinnen und Autoren

Angela Schrott, Professorin für Romanische Sprachwissenschaft

Institut für Romanistik der Universität Kassel

34109 Kassel

angela.schrott@uni-kassel.de

 

Bernd Tesch, Professor für Fremdsprachenlehr- und –lernforschung:

Didaktik des Französischen und Spanischen

Universität Tübingen

bernd.tesch@uni-tuebingen.de

 

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